Solarstrom wird erst dann zum Mehrwert, wenn Eigenverbrauch, Daten, Abrechnung und Betrieb zusammenspielen.
Herr Baerlocher, Photovoltaik ist heute überall präsent. Warum reden plötzlich alle über ZEV, vZEV und Eigenverbrauch?
Weil sich die Fragestellung verändert hat. Noch vor wenigen Jahren stand vor allem die Produktion von Solarstrom im Mittelpunkt. Heute produzieren immer mehr Gebäude ihren eigenen Strom. Die spannendere Frage lautet deshalb nicht mehr, wie man Strom erzeugt, sondern wie man ihn möglichst sinnvoll nutzt.
Genau hier kommen Modelle wie ZEV oder vZEV ins Spiel. Sie ermöglichen, dass mehrere Parteien in einem Gebäude oder Areal gemeinsam von lokal produziertem Strom profitieren. Dadurch kann ein deutlich grösserer Teil des Stroms dort genutzt werden, wo er entsteht. Das erhöht die Wirtschaftlichkeit der Anlage und macht die Energieversorgung unabhängiger.
Das klingt nach einer technischen Fragestellung. Ist es das auch?
Nur teilweise.
Natürlich braucht es die technische Infrastruktur. Ohne Photovoltaikanlage, Messsysteme und Datenerfassung funktioniert kein Eigenverbrauchsmodell. Interessanterweise beschäftigen unsere Kunden aber meist ganz andere Fragen.
Eine Immobilienverwaltung fragt nicht zuerst nach dem Wechselrichter oder nach Zählertypen. Sie möchte wissen, wie viel Aufwand entsteht, wie die Abrechnung funktioniert und wer später Rückfragen beantwortet. Ein Eigentümer möchte wissen, ob das Modell langfristig funktioniert und ob seine Investition tatsächlich einen Mehrwert schafft.
Und genau deshalb sagen wir oft: Die technischen Fragen sind häufig die einfacheren Fragen.
Können Sie das an einem Beispiel erklären?
Nehmen wir ein Mehrfamilienhaus mit einer neuen Solaranlage. Die Anlage produziert zuverlässig Strom und technisch läuft alles einwandfrei. Damit ist das Projekt aber noch nicht abgeschlossen.
Jetzt beginnt die eigentliche Arbeit. Der produzierte Strom muss den einzelnen Wohnungen zugeordnet, die Verbräuche müssen korrekt erfasst und die Kosten nachvollziehbar verteilt werden. Gleichzeitig erwarten die Bewohnerinnen und Bewohner, dass sie ihre Abrechnung verstehen und bei Fragen kompetent Auskunft erhalten.
Wenn diese Prozesse sauber aufgesetzt sind, funktioniert das Modell problemlos. Wenn sie nicht sauber aufgesetzt sind, kann selbst die beste technische Lösung zu Frustration führen.
Heisst das, dass viele Projekte an der Administration scheitern?
Scheitern ist vielleicht zu stark formuliert. Aber wir erleben regelmässig, dass die organisatorischen und administrativen Themen unterschätzt werden. Die Solaranlage ist sichtbar. Die Infrastruktur ist sichtbar. Die Prozesse im Hintergrund sieht man dagegen nicht. Dabei entscheidet sich genau dort, ob ein Modell im Alltag funktioniert.
Eine gute Lösung erkennt man oft daran, dass niemand ständig darüber sprechen muss. Die Abrechnungen laufen, die Daten stimmen und die Beteiligten verstehen, wie das System funktioniert.
Warum spielt die Abrechnung eine so zentrale Rolle?
Weil sie die Verbindung zwischen Technik und Alltag bildet. Für die meisten Menschen ist die Solaranlage irgendwann einfach da. Die Abrechnung hingegen sehen sie jedes Jahr. Dort wird sichtbar, wie viel Strom produziert wurde, wie viel genutzt wurde und welche Kosten entstanden sind.
Eine nachvollziehbare Abrechnung schafft Vertrauen, wogegen eine unverständliche Abrechnung Rückfragen erzeugt. Eigentlich ist das wie bei einer Restaurantrechnung. Wenn klar ersichtlich ist, wie der Betrag zustande kommt, wird niemand lange diskutieren. Wenn Positionen unverständlich sind, entstehen automatisch Fragen. Genau gleich verhält es sich beim Eigenverbrauch.
Sie sprechen häufig von Transparenz. Was bedeutet das konkret?
Transparenz bedeutet nicht möglichst viele Daten. Transparenz bedeutet, dass die richtigen Informationen verfügbar sind und verstanden werden können.
Eine Auswertung mit tausenden Messwerten hilft einer Verwaltung wenig. Relevant sind die Erkenntnisse daraus. Wie hoch war der Eigenverbrauch? Welche Kosten sind entstanden? Wo liegen Auffälligkeiten? Welche Entwicklungen sind erkennbar?
Die Kunst liegt nicht darin, Daten zu sammeln, sondern darin, Daten so aufzubereiten, dass daraus verständliche Informationen werden.
Welche Entwicklungen beobachten Sie aktuell im Markt?
Wir sehen, dass die Systeme grösser und vernetzter werden. Früher betrachtete man einzelne Gebäude. Heute sprechen wir zunehmend über ganze Areale, über Elektromobilität, Batteriespeicher, Wärmepumpen und lokale Energiegemeinschaften.
Dadurch entstehen neue Möglichkeiten, aber auch neue Anforderungen. Je mehr Elemente zusammenspielen, desto wichtiger werden Datenqualität, Prozesse und eine saubere Organisation. Deshalb betrachten wir ZEV auch nicht als Einzelthema. Für uns ist Eigenverbrauch Teil eines gesamten Energiesystems.
Was meinen Sie mit Energiesystem?
Eine Solaranlage allein macht noch kein Energiesystem. Erst wenn Stromproduktion, Verbrauch, Messung, Datenmanagement, Abrechnung und Betrieb miteinander verbunden werden, entsteht ein funktionierendes Ganzes.
Man kann das mit einem Orchester vergleichen. Jedes Instrument kann für sich hervorragend sein. Entscheidend ist aber, wie alle zusammenspielen.
Genau so verhält es sich mit modernen Energielösungen. Die Photovoltaik liefert Energie. Die Messsysteme erfassen Daten. Die Abrechnung schafft Transparenz. Das Monitoring liefert Erkenntnisse für Optimierungen. Der Nutzen entsteht erst durch das Zusammenspiel.
Was raten Sie Eigentümern oder Verwaltungen, die sich aktuell mit ZEV beschäftigen?
Nicht nur die Technik betrachten. Wichtiger ist die Frage, wie das Modell später betrieben wird. Wer kümmert sich um die Daten? Wie wird abgerechnet? Wie werden Informationen bereitgestellt? Wie werden Rückfragen beantwortet?
Je früher diese Fragen gestellt werden, desto einfacher wird es später.
Wenn Sie die Leitidee hinter ZEV und Eigenverbrauch in einem Satz zusammenfassen müssten – wie würde dieser lauten?
Ganz einfach: Solarstrom wird erst dann zum Mehrwert, wenn Eigenverbrauch, Daten, Abrechnung und Betrieb zusammenspielen.
Oder anders gesagt: Die Solaranlage auf dem Dach ist nur der Anfang. Entscheidend ist, wie gut das System darunter funktioniert.
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Fabian Baerlocher ist Leiter Business Development und Mitglied der Bereichsleitung Energie bei der Rapp AG. Der Umweltingenieur ETH und MBA-Absolvent verfügt über langjährige Erfahrung in der Energiebranche und beschäftigt sich mit der Entwicklung nachhaltiger Energie- und Versorgungslösungen. Fabian Baerlocher begleitet bei Rapp Eigentümer, Verwaltungen, Arealentwickler und Energieversorger bei der Umsetzung von Lösungen rund um Energieabrechnung, Eigenverbrauch, Energiedaten und Energiemanagement. Sein Fokus liegt darauf, technische Möglichkeiten in Prozesse zu übersetzen, die im Alltag funktionieren und langfristig Mehrwert schaffen. |