Weichen auf der Gleisstrecke
© Beat Ernst

Bahninfrastruktur: Die wichtigsten Weichen werden vor dem Baustart gestellt

Wer an ein Bahnprojekt denkt, sieht meist Baustellen, gesperrte Gleise und umgeleitete Züge. Ob ein Vorhaben auf Kurs bleibt, entscheidet sich jedoch oft Jahre zuvor. Die Baustelle ist nur der sichtbare Teil.

Man muss die schwierigen Fragen früh stellen

Wenn ein Bahnhof erneuert oder eine Bahnlinie ausgebaut wird, fällt der Blick schnell auf das, was später draussen geschieht: Gleise werden ersetzt, Perrons umgebaut und Wege neu geführt. Bis es so weit ist, sind jedoch bereits unzählige Entscheide gefallen.
Schon am Anfang muss geklärt werden, welche Ziele ein Projekt verfolgt, was im bestehenden Raum möglich ist und welche Auswirkungen eine Variante auf Betrieb, Umwelt, Kosten und Termine hat. Fehlen verlässliche Grundlagen oder werden Zielkonflikte zu spät erkannt, kann eine scheinbar kleine Änderung eine Kette weiterer Anpassungen auslösen.

Die aktuelle Diskussion zur Planung von Bahninfrastrukturvorhaben rückt deshalb eine unspektakuläre, aber entscheidende Phase ins Zentrum: die Zeit vor dem Baustart. Hier werden Annahmen geprüft, Varianten verglichen und Verantwortlichkeiten geklärt. Je nachvollziehbarer dies geschieht, desto belastbarer sind die Entscheide, auf denen Planung und Ausführung aufbauen.

Was das in der Praxis bedeutet

Wie anspruchsvoll frühe Abstimmungen sind, zeigt der Ausbau des Bahnhofs Basel SBB. Der Bahnhof stösst an seine Kapazitätsgrenzen. Zusätzliche Perronanlagen und eine neue Passerelle sollen mehr Zughalte ermöglichen, Raum für steigende Passagierzahlen schaffen und die bestehende Passerelle entlasten.
Das Vorhaben besteht nicht aus einem einzelnen Bauwerk. Perrons werden neu gebaut oder erweitert, ehemalige Gütergleise werden zu Perrongleisen und neue Zugänge verbinden den Bahnhof mit dem städtischen Raum. Gleichzeitig laufen Bahn- und Publikumsbetrieb weiter. Dadurch wird jede bauliche Entscheidung Teil eines grösseren Gefüges.
Rapp ist mit unterschiedlichen Leistungen in das Ausbauvorhaben eingebunden, darunter Tragwerksplanung, Bauleitung, Vermessung, Erschütterungsmessungen, Lärmbeurteilung und Verkehrsplanung. Der Praxisbezug liegt gerade in diesem Zusammenspiel: Eine Passerelle muss nicht nur statisch funktionieren. Sie muss sich in ein dicht genutztes Bahnhofsumfeld einfügen, die Perrons barrierefrei erschliessen und unter den Bedingungen des laufenden Betriebs realisierbar sein.

Leistungssteigerung Bahnhof SBB_Passerelle
© Beat Ernst

Die neue Passerelle und die erweiterten Perronanlagen am Bahnhof Basel SBB sind sichtbare Resultate eines langen Planungsprozesses.

Ein Bahnhof, der mehr als eine Endhaltestelle ist

Ein zweites Beispiel ist der Bahnhof Waldenburg. Seit dem Fahrplanwechsel vom 11. Dezember 2022 ist er nicht nur Endhaltestelle der vollständig sanierten Waldenburgerbahn, sondern zugleich Depot und Werkstätte der neuen Fahrzeuge. Vor dem Gebäude liegt zudem ein Busbahnhof. Damit treffen Bahn- und Busverkehr, betriebliche Abläufe, Gebäude, Verkehrsflächen und der umgebende Siedlungsraum auf engem Raum zusammen.

Die Herausforderung bestand darin, Infrastrukturen für Verkehrs- und Gleisanlagen sowie die Bahnhofshochbauten so anzuordnen, dass funktionierende Betriebsabläufe möglich sind. Zugleich mussten Gleisbau, Tiefbau und Hochbau eng aufeinander abgestimmt und parallel ausgeführt werden. Rapp übernahm Bauherrenunterstützung, Oberbauleitung und später das Baumanagement innerhalb des Generalplanerteams.

Für Fahrgäste zeigt sich das Ergebnis vor allem im Alltag: Der Bahnhof verbindet die Bahn mit dem Busverkehr und schafft Zugänge zum Ortskern sowie zu weiteren Verkehrsarten. Hinter dieser sichtbaren Funktion steht eine Planung, die Platzverhältnisse, Termine, Bauabläufe und betriebliche Anforderungen zusammenführen musste. Das Beispiel macht verständlich, weshalb gute Infrastruktur nicht in einzelnen Disziplinen entsteht, sondern im abgestimmten Zusammenspiel vieler Beteiligter.

Waldenburgerbahn
Reto Vollenweider

Der Bahnhof Waldenburg vereint Endhaltestelle, Depot, Werkstätte und Busbahnhof auf engem Raum.

Digitale Modelle helfen, ersetzen aber kein gemeinsames Verständnis

Digitale Planungsmodelle können sichtbar machen, wo sich Bauwerke, Leitungen, Verkehrswege oder Nutzungen überschneiden. Sie helfen, Varianten zu prüfen und Abhängigkeiten früher zu erkennen. Doch ein Modell beantwortet nicht automatisch, welche Lösung für ein Projekt die richtige ist.
Dafür braucht es verlässliche Daten, klare Kriterien und den Austausch zwischen den Beteiligten. Planerinnen und Planer müssen technische Informationen so aufbereiten, dass Auftraggeber, Behörden und weitere Betroffene die Folgen eines Entscheids verstehen können. Erst dann wird aus Daten eine tragfähige Entscheidungsgrundlage.

Planung schafft keine absolute Sicherheit

Auch eine sorgfältige Planung kann nicht jede Überraschung ausschliessen. Bestehende Anlagen sind nicht immer vollständig dokumentiert, Rahmenbedingungen verändern sich und neue Anforderungen können hinzukommen. Gute Planung verspricht deshalb nicht, Komplexität verschwinden zu lassen. Sie sorgt vielmehr dafür, dass offene Fragen sichtbar werden, Risiken bewusst behandelt und Entscheide nachvollziehbar getroffen werden.
Die beiden Beispiele zeigen vor allem eines: Schwierige Fragen sollten möglichst früh auf den Tisch. Nicht weil darauf immer sofort eine einfache Antwort folgt, sondern weil spätere Projektphasen umso handlungsfähiger werden, je klarer die Ausgangslage ist.

INF_anetzeder-andreas

Andreas Anetzeder, Leiter Verkehrsanlagen und Mitglied der Bereichsleitung Infrastruktur bei Rapp, spricht über die Zusammenarbeit in komplexen Infrastrukturprojekten und darüber, weshalb gemeinsame Ziele und ein offener Austausch besonders wichtig sind. 

Herr Anetzeder, was fasziniert Sie persönlich an Bahninfrastrukturprojekten?

Mich fasziniert die Vielfalt. Bahninfrastruktur verbindet Technik, Betrieb, Raumplanung und die Bedürfnisse vieler Menschen. Kaum ein anderes Umfeld bringt so unterschiedliche Anforderungen zusammen. Genau diese Vielschichtigkeit macht die Arbeit anspruchsvoll und spannend.

Was zeichnet aus Ihrer Sicht erfolgreiche Infrastrukturprojekte aus?

Erfolgreiche Projekte haben meistens eines gemeinsam: Alle Beteiligten arbeiten auf ein gemeinsames Ziel hin und verstehen die jeweiligen Anforderungen der anderen Fachbereiche. Je besser dieses Verständnis gelingt, desto einfacher lassen sich Entscheidungen treffen und Projekte voranbringen.

Wie erleben Sie die Zusammenarbeit in solchen Projekten?

Infrastrukturprojekte sind Teamarbeit. Planende, Auftraggeber, Behörden und weitere Beteiligte bringen unterschiedliche Perspektiven ein. Daraus entstehen oft wertvolle Lösungen. Entscheidend ist, dass Informationen transparent ausgetauscht werden und man sich frühzeitig über Ziele und Randbedingungen verständigt.

Welche Bedeutung hat Erfahrung in diesem Umfeld?

Erfahrung hilft dabei, Zusammenhänge schneller zu erkennen und Fragestellungen einzuordnen. Gleichzeitig entwickelt sich die Branche laufend weiter. Deshalb ist es wichtig, Erfahrungen mit neuen Erkenntnissen, digitalen Methoden und unterschiedlichen Fachperspektiven zu verbinden.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft der Bahninfrastruktur in der Schweiz?

Die Schweiz verfügt über ein sehr leistungsfähiges Bahnsystem. Damit das so bleibt, braucht es weiterhin langfristige Planung, verlässliche Investitionen und eine gute Zusammenarbeit aller Beteiligten. Infrastruktur entsteht über viele Jahre hinweg. Umso wichtiger ist es, dass Projekte mit Weitsicht entwickelt und umgesetzt werden.