Was umfasst deine Arbeit oder die der Arbeitsgruppe konkret?
Grob zusammengefasst umfasst die Arbeit der WG1 die Entwicklung technischer Spezifikationen für die Kommunikation zwischen Fahrzeug und Infrastruktur sowie Backoffice-Systemen im Kontext der Gebührenerhebung, die Vereinheitlichung von Protokollen und Standards für die Zahlungsabwicklung und der Datentransfer sowie die Förderung der Interoperabilität zwischen nationalen und regionalen Systemen. Die Arbeitsgruppe bildet dabei einen einzigartigen Schnittpunkt, an dem sowohl technische als auch betriebliche Aspekte der elektronischen Gebührenerhebung auf europäischer und internationaler Ebene zusammengeführt werden.
Was steht für die nächsten Jahren an?
Derzeit arbeiten wir intensiv daran, drei Standards zur Unterstützung der regulierten elektronischen Mautdienst als Folge einer formellen Anfrage der Europäischen Kommission bereitzustellen. Diese Standards sollten in einer künftigen Aktualisierung der EU-Rechtsvorschriften aufgenommen werden. In den kommenden Jahren wird sich die Normungsarbeit auf mehrere, parallellaufende Schwerpunkte konzentrieren – fortlaufend werden rund zehn Initiativen gleichzeitig vorangetrieben. Bestehende Spezifikationen werden weiterhin gepflegt und weiterentwickelt.
Gibt es dabei einen zentralen Schwerpunkt?
Ein zentraler Fokus liegt auf der Überarbeitung der Profilnorm EN 16986, die den Informationsaustausch zwischen Mautdienstanbietern (TSPs) und Mauterhebungsstellen (TCs) regelt. Ziel ist es, eine robuste technische Grundlage für die Interoperabilität unterschiedlicher Mauttechnologien und -prinzipien zu schaffen. Ein weiterer Schwerpunkt ist die langfristige Sicherstellung der Eignung der DSRC-Mauttechnologie. Parallel dazu wird der Einsatz bildgestützter Mautsysteme (z. B. ANPR) weiterentwickelt.
Gibt es noch Themen, die darüber hinaus gehen?
Darüber hinaus rücken auch Mautsysteme in den Vordergrund, die als Ersatz für die Kraftstoffbesteuerung bei Elektrofahrzeugen dienen könnten – insbesondere durch die Nutzung von Strassennutzungsdaten vernetzter Fahrzeuge. Weitere Themen sind die Integration mit verwandten Bereichen intelligenter Verkehrssysteme, etwa gemeinsame Zahlungssysteme und Verkehrsmanagement.
Wie behältst du bei dieser Vielfalt an Themen den Überblick?
Ich versuche, mir die wichtigsten Punkte aktiv einzuprägen, Prioritäten im Blick zu behalten und die Ziele gezielt auf Untergruppen zu delegieren. Dabei ist es mir wichtig, Themen proaktiv anzugehen.
Was ist deine Rolle in diesem Gremium?
Als Vorsitzender einer Arbeitsgruppe (Convenor) bei CEN bzw. bei ISO bin ich verantwortlich für die Leitung der Aktivitäten der Working Group. Ich stelle sicher, dass die geplanten Aufgaben gemäss den Vorgaben des übergeordneten Technischen Komitees (TC) termingerecht umgesetzt werden. Ich bin für die Organisation und die Gesamtleitung der Arbeit sowie für den Vorsitz der Sitzungen verantwortlich. Zu den wichtigsten Aufgaben gehören das Anstreben breit abgestimmter Lösungen und das Erreichen eines Konsenses. Die Berichterstattung an übergeordnete Stellen ist ein weiterer wichtiger Teil der Rolle.
Wahrscheinlich nicht die einzigen Aufgaben?
Tatsächlich nicht. Ich informiere die Mitglieder über geltende Regeln und Verfahren, übermittle mindestens einen Zwischenentwurf an das Sekretariat des Technischen Komitees, sorge für die Qualität der Standards und beurteile den Konsensstand der Entwürfe vor deren Weiterleitung. Bei Bedarf nehme ich an Bearbeitungsausschüssen (Editing Committees) teil. Die Ernennung zum Convenor erfolgt durch das Technische Komitee auf Vorschlag der nationalen Normungsorganisationen für eine Amtszeit von bis zu drei Jahren, mit der Möglichkeit zur Verlängerung.
Die Tätigkeit ist mit viel Reisezeit verbunden?
Weniger als auch schon. Seit Corona finden unsere Sitzungen sowohl online als auch in hybrider Form statt. Die Organisation und Einbindung der Teilnehmenden sind anspruchsvoll, zumal die Treffen in der Regel in Europa rotieren. Die nächste Sitzung wird zwar in Tokio stattfinden, gefolgt von einer weiteren in Strassburg. Es finden vier WG-Plenarsitzungen und rund 80 Online-Redaktionssitzungen pro Jahr statt, mit etwa 35 Teilnehmenden von 13 Ländern. Darüber hinaus treffen sich die übergeordneten TC-Ausschüsse auf CEN-Ebene und ISO-Ebene zweimal jährlich, an denen jeweils etwa 25 bzw. 100 Experten teilnehmen.