Vertriebsentwicklung in der Schweiz
Die Geschichte des Ticket-Vertriebs im öffentlichen Verkehr (öV) der Schweiz lässt sich in drei grosse Entwicklungslinien einteilen: den Übergang vom physischen zum digitalen Ticket, den Wandel hin zu zunehmend bargeldlosen Zahlungsmethoden sowie die Ablösung des klassischen Prepaid- durch das Postpaid-Ticketing.
Bereits in den 1960er-Jahren hielten in der Schweiz die ersten Billettautomaten Einzug und wurden seither kontinuierlich weiterentwickelt. Dennoch prägten bis weit in die 1990er-Jahren klassische Papiertickets den öV-Alltag: Sie wurden am Schalter, am Automaten oder direkt beim Chauffeur gekauft – und fast immer bar bezahlt. Bargeld war damals die einzig akzeptierte Zahlungsmethode, und der Ticketkauf war eng an physische Verkaufspunkte gebunden.
Anfang der 2000er-Jahre wagte die öV-Branche erste Schritte in Richtung automatischer Reiseerfassung: Mit einer elektronischen Karte sollte «easy ride» den GA-Komfort für alle zugänglich machen. Doch technologische und finanzielle Hürden führten schliesslich zur Einstellung des Projekts. Einen neuen Schub brachte die rasche Verbreitung von Smartphones gegen Ende der Nullerjahre. Die erste öV-App kam auf den Markt und leitete eine Phase intensiver Digitalisierung ein. In den 2010er-Jahren folgte eine Vielzahl regionaler Apps mit unterschiedlichen Funktionen, die den digitalen Vertrieb weiter vereinfachten und die Transformation erheblich beschleunigten.
2015 markierte die Einführung des SwissPass einen Meilenstein. Parallel dazu wurde die NOVA-Plattform, die schweizweite Vertriebs- und Abrechnungsplattform, entwickelt. Zusammen bilden diese beiden Bausteine heute das Rückgrat des Schweizerischen öV-Vertriebs. Der Erfolg der Digitalisierung zeigt sich deutlich: Heute werden 78 % der Fahrausweise über digitale Kanäle abgesetzt. Anfang 2018 lag dieser Wert noch bei 33 %. Ebenso rückläufig ist die Bedeutung des bedienten Verkaufs, der heute weniger als 6 % des gesamten Absatzes ausmacht.
Vom Bargeld zur Bankkarte & Mobile Payment
Parallel zur Digitalisierung der Fahrausweise hat sich auch das Bezahlen im öffentlichen Verkehr grundlegend verändert. Was früher ausschliesslich bar beglichen wurde, läuft heute zunehmend kontaktlos – sei es per Karte oder via Mobile Payment. Einige Transportunternehmen gehen noch weiter. Sie verzichten in ihren neuen Vertriebslösungen ganz auf Bargeld. So etwa VENDA im Kanton Graubünden, in den Bussen der BLT, an den neuen Automaten der BLS oder künftig auch an den neuen Automaten der BVB.
Anteil der Zahlungsmethoden am Umsatz
Der Rückzug des Bargelds als flächendeckendes, anonymes Zahlungsmittel sorgt in Teilen der Bevölkerung wie auch in der Politik für kritische Stimmen. Dennoch: In der Schweiz besteht keine Pflicht, Bargeld überall zu akzeptieren. Gleichzeitig bleibt das Bedürfnis nach anonymen Reisen bestehen, ohne den subtilen Zwang, persönliche Daten bei jeder kontaktlosen Zahlung preiszugeben. Um genau diese Lücke zu schliessen, bietet der öV Schweiz eine einfache Alternative. Die «Prepaid Card». Sie lässt sich anonym nutzen und bequem mit Bargeld aufladen. So bleibt auch in einer zunehmend digitalen Ticketwelt die Möglichkeit erhalten, unterwegs zu sein, ohne digitale Spuren zu hinterlassen.
Vom Prepaid Ticket zum Postpriced- und Postpaid-Ticketing
2016 setzten die ersten Pay-as-you-go Apps einen Wendepunkt im Schweizer Ticketing. Einchecken und auschecken – mehr braucht es seither nicht, damit im Nachhinein automatisch der günstigste Tarif berechnet wird. Ohne Tarifkenntnisse, ohne Planungsdruck für die Nutzer:innen, dafür mit maximaler Spontaneität. Genau diese Einfachheit treibt die Beliebtheit des Modells bis heute an, selbst wenn der Preis vor der Reise nicht fix feststeht.
Per Ende 2025 erreichte das «automatische Ticketing» einen weiteren Höhepunkt. Erstmals überholte es die klassischen Automatenverkäufe und schob sich auf Platz 2 der wichtigsten Vertriebskanäle in Bezug auf den Absatz. Und die Entwicklung geht weiter. Aktuell arbeitet die Schweizer öV-Branche an einem neuen Tarifsystem. myRIDE, das auch auf Post-Pricing setzt, wird den Weg zu noch intuitiveren, nahtlosen Reiseerlebnissen ebnen.
Ausblick
Derzeit diskutiert die Branche, wie im Schweizer öV langfristig neben den rein digitalen, appbasierten Verkaufskanälen eine verlässliche vertriebliche Grundversorgung gewährleistet werden kann. Dabei ist die Abwägung zwischen einfacher Bedienbarkeit für die Zielgruppen, Tarifgenauigkeit und Kosten zu machen. Gleichzeitig zeichnen sich Themen ab, die den Diskurs in den kommenden Jahren prägen werden:
- Von Check‑in/Check‑out (Pay-as-you-go) zu Be-in/Be-out: Ticketing-Systeme sollen künftig ohne aktives Ein- oder Auschecken funktionieren. Die Fahrt wird automatisch erkannt, die Kund:innen müssen nichts mehr tun.
- Dynamic Pricing: Schon heute werden zur Auslastungssteuerung im öV an Randzeiten günstigere Tarife angeboten. Künftig könnten Preise noch flexibler werden – abhängig von Nachfrage, Tageszeiten und Strecke. Eine vollständige dynamische Preisgestaltung liesse sich jedoch nur im grösseren Rahmen eines allgemeinen Mobility Pricings sinnvoll denken.
- Multi‑Modalität & Plattformintegration: Der anfängliche Hype um nahtlos verknüpfte Mobilitätsangebote mag abgeflaut sein, doch die Richtung ist klar. Die verschiedenen Verkehrsträger von öV, Sharing- und onDemand-Angeboten wachsen zunehmend zu einem echten Mobilitätsökosystem zusammen. Die Frage ist nicht ob, sondern wann diese Integration im Alltag spürbar wird.
Tätigkeiten von Rapp im Bereich Vertrieb
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